Ein neues Schuljahr fängt an
Mit dem Beginn des neuen Jahres beginnt in Bolivien auch ein neues Schuljahr. Logischerweise muss jede Mama ihren Knirps neu in die Schule einschreiben. Weil das ab und an von den Eltern vernachlässigt wird, habe ich das für einige Kinder aus meinem Projekt übernommen.
Ich komme also auf das Schulgelände und stelle mich in die einzige Schlange die es gibt. Diese ist etwa 20 Meter lang. Es ist gegen 14 Uhr Nachmittags, die Sonne scheint noch, aber es droht ein Regenschauer; in der Ferne sieht man dunkle, fast schwarze Wolken. Die Schlange führt in ein Büro hinein über den Sportplatz der Schule, welcher wiederum überdacht ist, zum Glück. Mit mir zusammen warten Elly und ihr Bruder Rolly. Sie soll für die Nachmittagsphase (14-19 Uhr), er für die Morgenphase (8-13 Uhr) eingeschrieben werden. Das Warten ist langweilig und so beschließe ich, den beiden einen Trick mit dem Kugelschreiber beizubringen. Der Mann vor mir fragt, ob ich ihm meinen Kugelschreiber ausleihen könne, er müsse noch dieses Formularunterschreiben. „Welches Formular?“, frage ich ihn. „Das, das Sie in dem Büro dort vorne bekommen!“, antwortet er und zeigt auf ein kleines, verfallenes Häuschen. Ich schicke Rolly los, das Formular zu holen. Es ist 15 Uhr, die Schlange etwa 50 Meter lang und nach vorne hat sich noch nichts bewegt. Eine halbe Stunde später kommt er mit den Formularen und 0,4 € weniger – soviel kosten beide – zurück. Der Mann vor mir sagt, man müsse selbige noch ausfüllen lassen. In dem Büro dort drüben. Rolly stellt sich in die nächste Schlange an. Der Mann vor mir lässt seinen Sohnemann Platz halten und geht nach Hause zum Mittagessen und anschließender Siesta. Es ist 16 Uhr, Rolly holt mich, man braucht einen Verantwortlichen. Ein freundlicher Mann schreibt für uns die Daten ins Formular. Ich bin vermutlich der einzige Verantwortliche, der es auch selbst hätte ausfüllen können. Die meisten Eltern können nicht schreiben. „Name?“ „Rolly“ „Phase?“ „Morgens!“ „Ja, das tut mir Leid, da müssen Sie morgens kommen!“ „Gut, kann ich das Mädchen einschreiben?“ „Ja!“
Name?
Vorname?
Muttersprache? Quechua, Aymara, Guaraní, Moxeno, Spanisch, Besira (Chiquitano), sonstiges
Der Schüler ist oder identifiziert sich als? Quechua, Aymara, Guaraní, Chiquitano, Moxeno, Mestize, sonstiges
Wozu hat er Zugang? Wasser im Haus, öffentliches Wasser, Flusswasser, Brunnenwasser, öfftl. Stromnetz, Solarzelle, Stromgenerator, Gas, Abwasseranschluss, septischer Brunnen
Geschlecht?
Entfernung zur Schule? __Stunden __Minuten
Beruf des Schülers? Keiner, Angestellter, freier Arbeiter, Hausarbeit, Bauer, Viehzüchter
Wie kommt er zur Schule? Zu Fuss, Laster, Motorrad, Bus, Kanu, Ruderboot, Motorboot, Fahrrad
Hiermit verpflichte ich mich, immer pünktlich, gepflegt und mit kurzen Haaren (römischer Schnitt) zur Schule zu kommen. Unterschrift des Schülers.
„OK, das wars, jetzt stellen Sie sich wieder in die andere Schlange.“
Elly steht mittlerweilen zwei Meter weiter vorne. Es ist 17 Uhr, wir warten. Und warten und warten.
Plötzlich kommt ein Herr mit Anzug aus seinem Büro gerannt und ruft: „Hey Gringolein! Die Direktorin will mit Ihnen sprechen.“ Ich werde in einen Raum geleitet, der seit der Schulzeit meines Großvaters nicht mehr belüftet, geschweige den gestrichen wurde. In einem Stuhlkreis sitzen einige Frauen und Männer und trinken Tee. Eine typische, norddeutsche Klönschnacksituation. „Wen wollen Sie einschreiben?“, fragt die Direktorin. „Wen wollen Sie einschreiben?“, wiederholt eine Frau aus dem Stuhlkreis. „Zwei Kinder aus meinem Projekt. Ich arbeite hinten an der Plaza Ballivián.“ „Er will zwei Kinder aus seinem Projekt einschreiben, er arbeitet angeblich an der Plaza Ballivián.“, wiederholt die Frau. „Also keine Neuen?“, fragt mich die Direktorin. „Keine neuen Schüler?“, sagt der Papagei. „Nein, die beiden sind schon seit vielen Jahren hier!“ „Nein, die zwei sind wohl schon seit vielen Jahren hier!“ „OK, dann stellen Sie sich mal wieder in die Schlange.“ „Gut, dann stellen Sie sich mal wieder in die Schlange.“ Und so stelle ich mich wieder in die Schlange. Bald bin ich an der Reihe.
Es ist 18 Uhr und ich bin im Büro. Mit etwa 20 indigenen Muttis und dem Mann vor mir, der nach einem ausgedehnten Mittagsschlaf zurückgekommen ist. „Ordnen Sie bitte ihre Zettel!“, ruft eine schlecht gelaunte Frau, die nach strenger Lehrerin aussieht. „Sonst dauert alles noch viel länger.“
30 Minuten später bin ich immer noch im Büro, fast am Ende der Schlange. „42 Bolivianos [=4,20 €] bitte!“ sagt die Frau am Schreibtisch. Neben ihr schreibt eine andere fleißig Rechnungen. Und zwar so langsam, dass die Schlange sich schon auf das ganze Schulgelände ausgebreitet hat. „Vielen Dank, bis zum nächsten Jahr!“
Nach viereinhalb Stunden Warten bin ich wieder draußen. Ich kenne die Lebensgeschichten der Familien, die vor und hinter mir standen. Spannend und langweilend zugleich. Naja, nächstes Jahr hat diesen Spaß ein anderer Freiwilliger.
Und plötzlich habe ich Löcher im Bauch
Kleine Nebennotiz: Sonntag, 31. Januar, wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert. Man stellte fest, dass sich „meine“ Salmonellen in der Gallenblase festgesetzt hatten. Ich wurde operiert und habe nun weder Gallenblase, noch Wurmfortsatz; aufgrund des neu gewonnenen Raumes im Bauch bin ich jetzt ideale für den Drogenschmuggel geeignet. Braucht einer was :) . Dafür habe ich aber fünf Löcher im Bauch, die verheilen. Mir geht es gut und ich bin noch bis Ende der Woche krank geschrieben.




























