t = zweieinhalb Monate in Deutschland
Es regnet viel, der Wind braust. Mein Fahrrad prescht wie von selbst durch den peitschenden Regen. Von mir gelenkt. Doch mehr von selbst als durch mich bewegt es sich.
Ich blinzle in die Sonne und ziehe meinen Hut weiter vor, ich will schließlich nicht schon wieder Sonnenbrand haben. Eine Frau mit weitem Rock, Pulli und Bowlerhut will mir roten Wackelpudding mit Eischnee verkaufen. „Zwei Bolivianos! Komm schon! Ist doch lecker! Animier dich! Ya pues, joven!“ Ich lehne dankend ab und gehe weiter.
Ein älterer Herr ruft in meiner Nähe nach seinem Hund durch den Regen. „Komm her!“ Verstört schaue ich durch meine feuchte Brille zu ihm. „Na komm!“ Es verstreichen ein paar Sekunden. Ich kann mein Gehirn rattern hören. Plötzlich leuchtet die Birne und mir ist klar, dass es hierzulande normal ist, dass Leute auf der Straße deutsch sprechen. Ganz normal.
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Essen in der Mensa. Es gibt Kartoffelsuppe mit Würstchen darin. Da es nach zu wenig aussieht nehme ich noch eine Pommesbeilage dazu. Wir sitzen am Tisch. Andere Physik- und Ingenieurstudenten. Ich nehme die Schale Pommes und kippe sie ohne zu zögern in meine Suppe. Meine Kommilitonen schauen mich kurz entsetzt an, sagen jedoch nichts.
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Auf dem Gemeindebüro: Ein paar Menschen stehen orientierungslos und gelangweilt hereinschauend im Gang herum. Ich gehe zum Schalter und sage: „Entschuldigen Sie, aber ich hätte gerne eine Wartenummer.“ Die Frau entgegnet mir schroff: „Können Sie sich nicht hinten anstellen?!“ „Wo hinten?“ „Ja hinten in der Schlange!“ Ich drehe mich um und stelle fest, dass die orientierungslosen Leute eine (wenn ich viel Fantasie anbringe) Art Schlange bilden. Leicht errötet stelle ich mich hinten an.
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Ich gehe spazieren und gelange schließlich an eine rote Ampel. Ich sehe mich um, ob Kinder, Jugendliche oder Frauen mit Kinderwagen in der Nähe sind. Nein? Dann kann es ja losgehen. Ich beginne, die Straße zu überqueren. Ein Auto kommt mit quietschenden Reifen zum stehen. Ich schaue es abfällig an und denke mir, was für ein Idiot da hinterm Steuer sitzen muss.
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Ich höre die Rufe der Busausrufer, also derer, die ausrufen, wo der Bus hinfahren wird; frage noch eben, was es kostet und ob es da tatsächlich hingeht; quetsche mich in die vorletzte Reihe und werde zusammengepresst. Der Bus fährt hupend und rasant los.
Ich sehe auf den Fahrplan (Unglaublich!!! Ein Fahrplan!!! Es gibt ihn tatsächlich!!!). Steige in den Bus ein, der soeben kommt und setze mich auf einen bequemen Platz.
All dies beschreibt Situationen und Verhaltensweisen, die irgendwie „anders“ sind. Tatsächlich waren Busse natürlich schon immer so. Jedoch wecken sie in mir ein Gefühl der „Befremdung“. Es ist seltsam aber doch vertraut. Schwer zu beschreiben. Vielleicht so, wie wenn man bei Familienangehörigen zu Besuch ist und dort übernachtet. Man ist geborgen aber doch fremd. Willkommen und fühlt sich zugleich als Fremdkörper. Zumindest ist das so ähnlich. Manchmal ist das Gefühl gut, manchmal schlecht; aber immer erfrischend. Erfrischend, einen Einblick in das zu bekommen, was sich da alles verändert hat.
Physisch gesehen bin ich wieder da. Psychisch nur zeitweise. Da esse ich bei Freunden eine Erdnusssuppe und bin plötzlich nahtlos in meinem Schreibtischstuhl an der Mathematikaufgabe. Ganz merkwürdige Sache!
Hierzu fällt mir ein Gedicht Goethes ein:
Gingo Biloba
Dieses Baumes Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut,
Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?
Solche Frage zu erwiedern,
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?
Man müsste eigentlich nur den Osten durch den Westen ersetzen und ich fühlte mich wahrhaft vom Gedicht verstanden und adäquat ausgedrückt. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis ich wieder hier bin. Noch spannender ist eigentlich die Frage: Werde ich es je sein und will ich das überhaupt?